O Gott, lass mich diesen Tag zu Deiner Ehre, zum Heile meiner Seele und zum Segen für meine Mitmenschen verbringen.

Gedenke, o gütigste Jungfrau Maria, es ist noch nie gehört worden, dass jemand, der zu Dir seine Zuflucht nahm, Deinen Beistand anrief und um Deine Fürbitte flehte, von Dir verlassen worden ist. Von diesem Vertrauen beseelt nehme ich meine Zuflucht zu Dir, o Jungfrau der Jungfrauen. Meine Mutter, zu Dir komme ich, vor Dir stehe ich als ein sündiger Mensch. O Mutter des ewigen Wortes, verschmähe nicht meine Worte, sondern höre sie gnädig an und erhöre mich. Amen.

Die sittlichen Werte sind unter allen natürlichen Werten die höchsten.

Höher als Genialität, Gescheitheit, blühendes Leben, als die Schönheit der Natur und Kunst, als die Wohlgeordnetheit und Kraft eines Staates stehen Güte, Reinheit, Wahrhaftigkeit und Demut des Menschen. Was in einem Akt echten Verzeihens, in einem großmütigen Verzicht, in einer glühenden selbstlosen Liebe wirklich wird und uns aufleuchtet, das ist bedeutsamer und größer, wichtiger und ewiger als alle Kulturwerte. Die sittlichen Werte sind der Brennpunkt der Welt, sittliche Unwerte das größte Übel, schlimmer als Leiden, Krankheit, Tod, als das Zugrundegehen blühender Kulturen.
Dies erkannten alle großen Geister, so schon ein Sokrates und Plato, die immer wiederholen, dass es besser ist, Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun. 

sittlichen Werte sind der Brennpunkt der Welt, sittliche Unwerte das größte Übel

Diese Vorzugsstellung des Sittlichen ist vor allem eine Grundauffassung des Christentums.

Sittliche Werte sind stets Personwerte. Sie können allein am Menschen haften, von Menschen realisiert werden. Ein materielles Ding, etwa ein Stein, ein Haus kann nicht sittlich gut oder schlecht sein, ebensowenig ein bloßes Lebewesen, etwa ein Baum oder ein Hund. Auch Werke des menschlichen Geistes, Erfindungen, wissenschattliche Bücher, Kunstwerke, können nicht wirkliche Träger sittlicher Werte sein, sie können nicht treu, demütig, liebevoll sein. Sie können höchstens als Niederschlag des menschlichen Geistes diese Werte indirekt widerspiegeln. Nur der Mensch als freies Wesen, verantwortlich in seinem Tun und Handeln, in seinem Wollen und Streben, in seinem Lieben und Hassen, in seiner Freude und Trauer und in seinen dauernden Grundhaltungen, kann sittlich gut oder schlecht sein.
Wichtiger als alles Schaffen von Kulturgütern ist darum das Sein des Menschen selbst, ist die von sittlichen Werten durchleuchtete Persönlichkeit, ist der demütige, reine, wahrhaftige, treue, gerechte, liebende Mensch. Wie aber wird der Mensch dieser sittlichen Werte teilhaftig? Wachsen sie von selbst wie die Schönheit seines Antlitzes, wie der Verstand, der ihm geschenkt ist, wie ein lebhaftes Temperament? Nein, sie erstehen nur aus bewußten freien Haltungen; er selbst muss wesentlich dabei mitwirken. Sie erstehen nur durch die bewußte freie Hingabe an echte Werte. So groß in einem Menschen seine Wertsichtigkeit ist, so offen und ungetrübt sein geistiges Auge die ganze Wertfülle der Welt erfaßt, so rein und unbedingt seine Hingabe an diese Werte ist – so reich ist er selbst an sittlichen Werten.
Quelle: Dietrich von Hildebrand „Sittliche Grundhaltungen“