Über das Almosen

19. Oktober 2023

Was können wir uns Trostreicheres für einen Christen vorstellen, der unglücklich genug war zu sündigen, als ein so leichtes Mittel zu finden, der Gerechtigkeit Gottes für seine Sünden Genüge zu leisten? Jesus Christus, unser göttlicher Erlöser, verströmt nur unsere Glückseligkeit, und Er hat kein Mittel ausgelassen, es uns zu beweisen. Ja, meine Brüder, durch das Almosen können wir unsere Sünden leicht wieder aufwiegen und die am meisten überströmenden Segen des Himmels auf uns ziehen, auf unsere Güter und auf uns selbst. Sagen wir es besser, meine Brüder: Durch das Almosen können wir der ewigen Pein entgehen. Oh, meine Brüder, wie gut der liebe Gott ist, sich mit einer solchen Kleinigkeit zufriedenzugeben! Meine Brüder, wenn der liebe Gott es so gewollt hätte, dann wären wir alle gleich. Aber nein, Er sah es voraus, dass – stolz wie wir sind – uns der Wille gefehlt hätte, einander untertan zu sein. Das ist genau der Grund, dass er Reiche und Arme in die Welt gesetzt hat, damit wir uns gegenseitig helfen können, uns zu retten. Die Armen können sich retten, indem sie ihre Armut mit Geduld ertragen und die Reichen mit Geduld um Hilfsmittel ersuchen. Die Reichen ihrerseits werden ihre Sünden wieder aufwiegen, indem sie den Armen Mitleid entgegenbringen und sie nach besten Kräften unter- stützen. Ihr seht, meine Brüder, dass wir uns auf diese Weise alle retten können. Wenn es für die Armen eine unabdingbare Pflicht ist, die Armut mit Geduld zu ertragen und die Reichen mit Demut um Hilfsmittel zu bitten, so ist es auch für die Reichen eine unabdingbare Pflicht, den Armen, ihren Brüdern, Almosen zu geben, wenn sie es können, da ja ihr Heil davon abhängt. Sehr unglücklich ist in den Augen Gottes derjenige, der seinen Bruder leiden sieht, ohne ihm zu helfen, obwohl er es könnte. 

Um euch anzutreiben, Almosen zu geben, soviel ihr könnt, und zwar mit Absichten, die sich rein auf Gott richten, werde ich euch zeigen: 

1. welche Macht das Almosen bei Gott besitzt, um alles zu erhalten, was wir von Gott wünschen;   

2. dass das Almosen bei denjenigen, die es spenden, die Furcht vor dem allgemeinen Gericht wegnimmt; 

3. wie undankbar wir sind, wenn wir gegenüber den Armen hart sind, da ja – wenn wir sie verachten – es Jesus Christus selbst ist, den wir verachten. 

Von welcher Seite wir das Almosen auch immer betrachten, sein Wert ist so groß, dass es unmöglich ist, euch seinen ganzen Verdienst erkennen zu lassen. Erst am Tag des Gerichts werden wir seinen ganzen Wert erfassen. Wenn ihr mich nach dem Grund dafür fragt, so ist er der folgende: Wir können sagen, dass er alle unsere guten Handlungen übersteigt, da eine wohltätige Person für gewöhnlich alle anderen Tugenden auch besitzt. Wir lesen in der Heiligen Schrift, dass der Herr zu seinem Propheten Isaias sprach: «Geh und sage meinem Volk, dass mich ihre Verbrechen so sehr erzürnt haben, dass ich sie nicht mehr ertragen kann. Ich werde sie bestrafen und für immer ins Verderben stürzen.» Der Prophet stellt sich inmitten dieses Volkes, das sich versammelt hatte, und sprach: «Höre, du undankbares und rebellisches Volk, was der Herr, euer Gott, zu euch sagt: «Eure Verbrechen haben mich so sehr in Wut gegen euch versetzt, dass meine Hände mit Blitzen gefüllt sind, um euch zu zermalmen und für immer ins Verderben zu stürzen.» «So steht ihr also», sprach Isaias zu ihnen, «ohne Hilfe da. Ihr werdet den Herrn umsonst bitten, denn er wird sich die Ohren verstopfen, um euch nicht zu hören. Ihr werdet umsonst weinen, fasten, euch mit Asche bedecken, denn Er wird seine Augen nicht auf euch richten. Wenn Er euch anschaut, dann nur deshalb, um euch zu vernichten. Indessen habe ich inmitten all dieser Übel einen Rat, den ich euch geben kann. Er ist sehr machtvoll, das Herz des Herrn zu besänftigen, und ihr könntet ihn dadurch zwingen, euch Barmherzigkeit angedeihen zu lassen. Dies ist es, was ihr tun müsst: Gebt einen Teil eures Besitzes euren Brüdern, die arm sind. Gebt Brot demjenigen, der Hunger hat; Kleider denjenigen, die nackt sind, und ihr werdet sofort sehen, dass sich das über euch gefällte Urteil ändert.» Kaum hatten sie begonnen, die Worte des Propheten in die Tat umzusetzen, als der Herr auch schon Isaias rief und ihm sagte: «Geh und sage meinem Volk, dass es mich besiegt hat, dass die Wohltätigkeit, die sie gegenüber ihren Brüdern geübt haben, stärker gewesen ist als mein Zorn. Geh und sage ihnen, dass ich ihnen vergebe und meine Freundschaft verspreche.» 

O schöne Tugend der Mildtätigkeit, welche Macht du hast, die Gerechtigkeit Gottes zu erweichen! Aber ach, wie wenig dich die Mehrheit der heutigen Christen kennt! Warum das, meine Brüder? Deshalb, weil wir zu sehr der Erde verhaftet sind, weil wir nur an die Erde denken, weil wir nur für die Erde zu leben scheinen …, weil wir die Güter des Himmels aus den Augen verloren haben und sie nicht schätzen. Wir sehen auch, dass die Heiligen die Tugend der Mildtätigkeit so sehr geliebt haben, dass sie es für unmöglich hielten, sich ohne sie zu retten. 

Zunächst werde ich euch sagen, dass Jesus Christus, der uns in allem als Vorbild dienen wollte, die Nächstenliebe ins Unendliche gesteigert hat. Wenn er den Schoß seines Vaters verlassen hat, um auf die Erde zu kommen, wenn er in der Armut geboren wurde, wenn er in den Leiden gelebt hat und im Schmerz gestorben ist, dann war es einzig seine wohltätige Liebe zu uns, die ihn zu alledem angetrieben hat. Als Er uns alle verloren sah, da brachte ihn seine Liebe dazu, alles zu tun, um uns aus diesem Abgrund der ewigen Übel zu retten, in welchen uns die Sünde gestürzt hat. Wir sehen, dass sein Herz, während er auf Erden war, so von Liebe erfüllt war, dass Er keine Krankheit, keine Toten, Krüppeln und so weiter sehen konnte, ohne ihnen nicht Erleichterung zu bringen, sie vom Tode zu erwecken oder sie zu trösten. Er ging noch weiter. Er ging sogar so weit, dass er Wunder wirkte, wobei er seine Zuneigung zu den Unglücklichen befriedigte. Als Er eines Tages sah, dass diejenigen, die ihm bei seinen Predigten nachfolgten, ohne Nahrung waren, sättigte er mit fünf Broten und einigen Fischen viertausend Männer, ohne die Frauen und die Kinder zu zählen. An einem anderen Tag sättigte Er fünftausend. Er begnügte sich nicht damit. Um ihnen zu zeigen, welches Mitgefühl Er für ihre Plagen hatte, wandte er sich an seine Apostel und sagte ihnen mit einem Antlitz voller Zartgefühl: «Mich erbarmt dieses Volkes, das mir so viele Zeichen der Anhänglichkeit erweist. Ich kann ihm nicht mehr widerstehen. Ich werde ein Wunder tun, um ihnen Linderung zu verschaffen. Ich fürchte, wenn ich sie fortschicke, ohne ihnen zu essen zu geben, dann sterben sie unterwegs. Lasst sie alle auf der Erde lagern. Verteilt unter ihnen diese Wegzehrung, meine Macht wird das Fehlende ergänzen.» [Mt 15,32-38] Er empfand eine so große Freude dabei, ihnen Erleichterung zu verschaffen, dass Er nicht einmal an sich selbst dachte. O Tugend der mildtätigen Liebe, wie schön du bist, wie sehr überfließen die Gnaden, die an dich geknüpft sind, voller Kostbarkeit! Auch sehen wir, dass die Heiligen des Alten Bundes vorauszusehen schienen, wie sehr diese Tugend vom Sohn Gottes geliebt werden würde. Wir sehen, dass nicht wenige ihr ganzes Glück und ihr ganzes Leben daran setzen, diese schöne und liebenswürdige Tugend zu üben. Wir lesen in der Heiligen Schrift, dass der heilige Mann Tobit, der nach Assyrien in die Gefangenschaft geführt worden war, sich auf dem Gipfel der Freude befindet, gegenüber den Unglücklichen diese Tugend üben zu können. Am Abend und am Morgen verteilte er alles, was er besaß, an seine armen Brüder, ohne je etwas für sich zu behalten. Bald sah man ihn bei den Kranken, die er ermahnte, ihre Schmerzen voller Hingabe an Gottes Willen zu ertragen, und zeigte ihnen auf, wie groß ihre Belohnung in der Ewigkeit sein würde. Bald sah man, wie er seine eigenen Gewänder niederstreifte, um sie seinen armen Brüdern zu schenken. Eines Tages kam jemand zu ihm mit der Mitteilung, dass ein Armer gestorben war, dem niemand ein Begräbnis zukommen ließ. Tobit erhebt sich sogleich vom Essen, geht ihn holen und trägt ihn auf seine Schultern an den Ort, der dafür bestimmt ist. Als er sich seinem Ende nahe wähnte, befahl er seinen Sohn neben sein Bett und sprach zu ihm: «Mein Sohn, ich glaube, dass mich der Herr bald aus dieser Welt herausnehmen wird. Ich muss dir eine bedeutende Angelegenheit auftragen, bevor ich sterbe. Versprich mir, mein Sohn, sie auszuführen. Gib Almosen alle Tage deines Lebens; wende deinen Blick nie von den Armen ab! Gib Almosen auf die Art, auf die es dir möglich ist! Wenn du viel hast, dann gebe viel! Wenn du wenig hast, dann gebe wenig, aber gebe mit gutem Herzen und mit Freude! Dadurch wirst du große Schätze für den Tag des Herrn aufhäufen. Verliere nie aus dem Blick, dass das Almosen unsere Sünden auslöscht und uns davor bewahrt, andere zu begehen! Der Herr hat versprochen, dass Er eine mildtätige Seele nicht in die Finsternis der Hölle stürzen wird, wo es keine Barmherzigkeit mehr gibt. Nein, mein Sohn, verachte nie die Armen, und pflege keinen Umgang mit denjenigen, die sie verachten, da der Herr dich ins Verderben stürzen würde! Das Haus desjenigen, der Almosen gibt, hat sein Fundament auf harten Steinen, die niemals umstürzen, während derjenige, der das Almosen verweigert, sein Haus mit den Grundmauern vernichten wird.1» 

Damit soll euch, meine Brüder, gezeigt werden, daß ein Haus voller Mildtätigkeit niemals arm sein wird und dass im Gegenteil diejenigen, die gegenüber den Armen hart sind, zusammen mit ihren Gütern zugrunde gehen werden. Der Prophet Daniel belehrt uns: «Wenn wir den Herrn dazu veranlassen wollen, unsere Sünden zu vergessen, dann müssen wir Almosen geben, und in der Folge wird sie der Herr aus seinem Gedächtnis tilgen.» 

  1. Hier, wie bei anderen Bibelzitaten, entspricht der Text nicht der offiziellen Übersetzung. Vielleicht handelt sich um frei erweiterte biblische Betrachtungstexte, die der Heilige als Bibelzitat aufgreift. ↩︎